An den letzten Abenden habe ich viel mit meinen bosnischen Freunden zusammengesessen und viele Geschichten gehört. Ein paar davon will ich Euch erzählen, zum Beispiel die von Schneewittchen.

Schneewittchen gibt es nicht nur im Märchen. Schneewittchen – oder auf bosnisch “Snježana” – lebt in dem kleinen Dorf Srednja Slatina. Mit Anfang 50 ist die blonde Frohnatur dort eine der jüngsten. Sie ist verheiratet, aber lebt allein. Ihr Mann wohnt und arbeitet 1200 Kilometer entfernt in Baden-Würtemberg. Von ihrem Friseur-Job allein kann Schneewittchen nicht leben. Denn nicht immer hat sie so viele Kunden wie jetzt in den Tagen vor Weihnachten. Ihr Haus, ihren alten Golf könnte sie allein davon nicht bezahlen. Kinder hat Schneewittchen nicht, ihre Familie ist die katholische Kirchengemeinde, in der sie sich um die alten Leute kümmert, sie besucht und ihnen bei der täglichen Arbeit hilft.

 

In dem kleinen Dorf war es früher einmal schön und gemütlich, so erzählen Schneewittchen und die alten Leute. Manche haben noch Fotos von ihren kleinen Häuschen an der Wand hängen. Doch dann kam der Krieg und hat alles zerstört. Minen liegen in den Wäldern, Häuser wurden zerbombt, Menschenleben ausgelöscht. Wer konnte, hat die Flucht nach Österreich oder Deutschland ergriffen. Doch Schneewittchen brachte es nicht übers Herz ihre Wurzeln zurückzulassen. Sie blieb in ihrem Dorf und damit ist ihre Geschichte alles andere als ein Märchen. Sie gleicht eher einem Drama. Einem Drama, das viele Bosnier so oder so ähnlich durchleben.

Die Zukunft liegt in Westeuropa

“Was soll ich eine Ausbildung machen, wenn ich danach eh keinen Job kriege”, sagt Draco, Ende Dreißig, und bringt in einem Satz die Gedanken vieler junger Bosnier auf den Punkt. Einerseits sind sie stolz auf ihr Land, ihre Traditionen, ihre Religion, ihren Slivovitz und ihre Gastfreundschaft. Andererseits zwingen sie Arbeitslosigkeit, Korruption und bürokratische Kleinkriege dazu, ihre Heimat in Gedanken aufzugeben. Die Zukunft liegt in Westeuropa, aber nicht hier in Bosnien, so glauben viele und verbinden mit Österreich oder Deutschland eine Vorstellung vom Paradies.

Der EU-Beitritt des reicheren Kroatiens im vergangenen Sommer hat den Bosniern nochmal vor Augen geführt, dass sie abgeschnitten sind von der Entwicklung. Eine Reise in das Nachbarland, das die gleichen Wurzeln wie Bosnien hat und einstmals Teil des Vielvölkerstaats Jugoslawien war, ist nun nicht mehr so ohne weiteres möglich. Die Grenzkontrollen wurden verschärft. Ein Kleinbauer aus Srednja Slatina war zum Beispiel vier Monate in Kroatien gefangen, weil er keinen richtigen Pass hatte und die Behörden ihn nicht zurück in seine Heimat lassen wollten. Soziale Organisationen können Hilfsgüter nur noch importieren, wenn sie viel Bürokratie und Papierkram erledigen.

Eltern schämen sich für behinderte Kinder

Das mussten auch unsere Partner in Orašje erfahren. Der Verein, der mit behinderten Kindern und Jugendlichen arbeitet, hatte von einer Organisation aus den Niederlanden einen Bulli geschenkt bekommen. So könnten auch die Kinder aus den entlegeneren Dörfern abgeholt und regelmäßig zur Tagesstätte gebracht werden, hatte Vorsitzender Marko schon geträumt. Aber die Behörden wollten keine Zulassung für das Auto erteilen. Monatelang stand es ungenutzt auf dem Parkplatz. Erst nach langen Verhandlungen und Zahlung einer größeren Summe wurde eine Erlaubnis erteilt.

Der Verein in Orašje möchte behinderten Kindern Fürsorge geben und ein würdiges Leben ermöglichen. Über 50 Eltern bringen regelmäßig ihre Kinder zur Tagesstätte. Dort bekommen sie Therapie oder Hilfe bei den Hausaufgaben. “Viele Eltern mit behinderten Kindern schämen sich für ihren Nachwuchs”, sagt Hajra, eine Therapeutin. Die Mitarbeiter möchten, dass das anders wird und Behinderte in die Gesellschaft integriert werden und mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Geschenke – Zeichen der Aufmerksamkeit

Wenn wir einmal im Jahr Geschenke nach Orašje bringen, dann ist das auch ein Zeichen der Aufmerksamkeit, Die Pakete sind klein und haben einen geringen materiellen Wert. Aber viele Kinder freuen sich schon wochenlang auf den Moment, wenn sie kurz vor Weihnachten ihr Geschenk in Empfang nehmen können. Buntes Papier, Süßigkeiten und Spielzeug zeigen ihnen: “Ihr seid uns etwas wert.” Und diese Botschaft tut den Kindern, Schneewittchen, Draco und all den anderen Bosniern gut.

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