BOW-Mitglied Julian Mönxelhaus – Student der sozialen Arbeit in Darmstadt – war eine Woche lang auf Studienreise in der sibirischen Stadt Omsk. Er berichtet von seinen Erfahrungen.

11Im Zuge einer Forschungsreise der „Evangelischen Hochschule Darmstadt“ habe ich die Möglichkeit bekommen, meinen Professor und drei Kommilitonen auf eine Reise nach Sibirien zu begleiten. Acht Tage lang sollten wir in Omsk, der viertgrößten Stadt Russlands, verbringen, um dort eine Partnerschaft zu der „Staatlichen Technischen Universität“ aufbauen.

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Omsk  ist eine russische Großstadt, in der ca. 1,2 Millionen Menschen leben. Die Stadt war lange Zeit abgeschnitten von der Außenwelt und nicht zugänglich für Ausländer. Das lag besonders an der Bedeutung der Stadt als militärischer Stützpunkt Russlands. Heute ist Omsk eine wichtige Universitätsstadt. Es gibt 20 Universitäten und Hochschulen. Dazu kommen 44 Forschungsinstitute.

Montagabend ging unsere Reise von Frankfurt aus los.

Zunächst flogen wir nach Moskau, wo schon der anschließende Flieger ins tiefere Sibirien vorbereitet wurde. Nach insgesamt sechs Stunden Flug und fünf Stunden Zeitverschiebung kamen wir nach einer schlaflosen Nacht dienstagmorgens um sieben Uhr in Omsk an.

2Empfangen wurden wir von Anastasia, einer Dozentin des Fachbereichs Soziale Arbeit. Sie war selbst schon zwei Mal in Darmstadt  und somit die erste Ansprechpartnerin vor Ort und eine wichtige Übersetzerin. Nach einer kleinen Stadtrundfahrt auf dem Weg zu unserem Stundentenwohnheim, in dem wir die nächsten acht Tage übernachten sollten, gab es für uns eine kleine Verschnaufpause.

Das Programm für die Tage in der russischen Großstadt war sehr abwechslungsreich. So gab es neben den Seminaren in der Universität auch Ausflüge und Besichtigungen verschiedenster Institutionen vor Ort. Wir sollten einen Eindruck von der Sozialarbeit in Omsk bekommen und von unseren Erfahrungen aus Deutschland berichten.

3Am ersten Tag gab es in der Universität eine Präsentation von Omsk und der Universität. Danach sollten wir Studenten unsere Hochschule präsentieren. In einem anschließenden Gespräch kamen wir mit Studenten des Fachbereichs ins Gespräch und bekamen einen ersten Eindruck von den Erfahrungen und Möglichkeiten, die vor Ort gegeben waren. Schnell wurde deutlich, dass weniger in der Praxis gearbeitet wird und der Fokus der Sozialen Arbeit in der Theorie bestand.

Am folgenden Morgen nahmen wir an einem Seminar in der Universität teil und gestalteten es auch mit. Zu dem Thema „Innovations of Social Work“ wurden verschiedene Vorträge gehalten. Ein Vortrag über den Fortschritt in der Behindertenarbeit zeigte uns erneut, wie sehr die Arbeit in Russland hinterherhinkt. Die beiden Fachbereiche der Sozialen Arbeit und des Mediendesigns arbeiten gerade an einem Computerprogramm speziell für Kinder mit Handicaps.

Das Programm soll den Kindern spielerisch Bildung vermitteln. So werden neben Zahlen und Buchstaben auch die Jahreszeiten und die Tier- und Pflanzenwelt thematisiert. In Deutschland arbeiten die Institutionen mit solchen Programmen schon länger. Auch ein Vortrag über die Neuheit der Anbringung mehrerer Baby-Klappen in Russland verwunderte uns. Nachdem unser Professor einen Vortrag über Sozialpolitik in Deutschland hielt, bekam ich die Chance über meine Erfahrungen in Bolivien zu berichten und veranschaulichte den Vortrag durch eine Powerpoint Präsentation. Nach dem Seminar gab es eine Führung durch die Universität und ein anschließendes Abendessen mit den Lehrkräften.

6Am nächsten Tag bekamen wir endlich Einblick in die Arbeit vor Ort. Nach einer zweistündigen Autofahrt kamen wir zu einem Rehabilitationszentrum, welches mitten im Wald lag. Dort werden Kinder und Jugendliche für 18 Tage therapiert. Die Meisten von ihnen haben leichte Behinderungen. Aber auch Kinder und Jugendliche mit orthopädischen Problemen und Aufmerksamkeitsdefiziten werden hier behandelt. Viele von ihnen kommen durch ärztliche Anweisung zu dem Aufenthalt. Sie bekommen staatliche Finanzierung für die Dauer von 18 Tagen.

Es war sehr komisch, durch das riesige Anwesen zu laufen, ohne dabei Kinder zu sehen. Wir hatten den Eindruck, dass die Kinder vor uns versteckt werden. In jedem Raum, den wir zu sehen bekommen haben, stand ein Mitarbeiter, der uns beobachtete. Erst später haben wir dann einige der Kinder bei verschiedenen Therapieangeboten beobachten können. Diese seltsame Erfahrung passte zu unserem Gesamteindruck, dass man uns Deutschen eine perfekte russische Welt ohne Probleme vorführen wollte.

Abends ging es zusammen mit einigen Studenten und Professoren ins russische Ballett, in das Stück „Giselle“.

Der nächste Tag startete mit einer weiteren Besichtigung einer Institution. Mitten im Zentrum von Omsk steht das Soziale Service Zentrum „Sudarushka“. Hier werden vor allem Invaliden im Alltag unterstützt und 7bekommen verschiedene Hilfsangebote. Neben den Hausbesuchen gibt es auch in der Institution selbst einen Wohnkomplex, in dem Jung und Alt in verschiedenen Wohngruppen leben. Neben einem großen Außengelände hat das Haus auch verschiedene Angebote, die die Bewohner nutzen können. Eine eigene Schule ermöglicht den Kindern Bildung. Sie werden geschlechtergetrennt von Priestern und Schwestern unterrichtet. Die Schule beinhaltet eine eigene orthodoxe Kirche, in der auch Kinder anderer Religionszugehörigkeit herzlich willkommen sind.

Am Nachmittag hatten die Studenten aus Omsk ein Konzert für uns organisiert. Die Universität bietet nicht nur Studenten aus Russland die Möglichkeit eines akademischen Abschlusses. Studenten aus Kasachstan und der Mongolei kommen den weiten Weg nach Omsk, um an der Universität zu studieren. Es wurden dementsprechend viele Tänze und Lieder aus den verschiedenen Kulturen vorgetragen. Das Highlight war ein traditionelles deutsches Wanderlied, welches von zwei Studenten eingeübt und vorgesungen wurde. Anschließend gab es typisch russische Snacks und Getränke.

8Der Samstag gestaltete sich ganz touristisch. Wir besuchten das Stadtzentrum und haben ganz neue Eindrücke von der Stadt und ihren Bewohnern bekommen. In einem kleinen Handwerksmuseum gab es die Gelegenheit kleine Mitbringsel und Andenken zu kaufen. Am späten Nachmittag gab es ein Abendessen in der Universität und anschließend wurden wir von einigen Studenten zu sich nach 9Hause eingeladen. Dort lernten wir viele Leute kennen und verbrachten einen schönen Abend mit Gitarrespielen, Tanzen und typischen russischen Getränken.

Sonntags ging es schon früh raus. In einer evangelisch – lutherischen Kirche konnten wir einen Gottesdienst auf Deutsch besuchen. Viele Russlanddeutsche leben heute in Omsk. Das ist der Grund, wieso einige Male im Monat ein Gottesdienst auf Deutsch stattfindet. Nach der Messe hatten wir die Möglichkeit mit dem Pfarrer zu sprechen. Er kommt aus Kasachstan, ist in Deutschland aufgewachsen und arbeitet jetzt mit der evangelischen Gemeinde vor Ort. Er hat uns von seiner Arbeit mit Familien aus schwierigen Verhältnissen erzählt und war sehr stolz auf das, was er bisher erreicht hat. Auch wenn die Anzahl der Kirchenbesucher drastisch gesunken ist, ist die Arbeit als Priester in der Gemeinde am Rande von Omsk sehr wichtig.

10Nachmittags besuchten wir die Caritas in Omsk. Die Caritas hat ihren Standort im weniger betuchten Teil der Stadt. Sie arbeiten besonders mit wohnungslosen Menschen im Viertel und mit jungen Frauen und ihren Kindern. Dabei legen sie besonderen Wert auf die Mithilfe der Einheimischen, die in der Gegend wohnen. Früher kamen auch Spenden aus Deutschland.

Am letzten Tag versammelten wir uns erneut mit Studenten und Professoren in der Universität. Die vergangenen Tage wurden reflektiert und es gab nette Worte zum Abschied, bevor wir noch einmal in die Stadt fuhren, um dort die letzten Mitbringsel zu besorgen. Spontan wurde für meinen Professor und mich noch ein Rundgang in einem der Kinderheime von Omsk organisiert.

Das Kinderheim (Foto siehe ganz oben) beherbergt Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Meistens kommen die Kinder aus problematischen Familien. Alkoholmissbrauch ist in Russland ein großes Problem und auch der Grund für viele zerrüttete Familien. Viele der Jugendlichen sind straffällig geworden und werden durch erlebnispädagogische Angebote „resozialisiert“.

Leider hält dies nicht lange an, wenn sie den Weg in ihr gewohntes Umfeld zurückgehen. Es gibt viele Angebote. So lernen sie zum Beispiel Nähen oder in der heimeigenen Sporthalle das Boxen. Eine große Umstellung stellt zurzeit die russische Politik dar, die viele Kinderheime im Land schließen möchte und nur spezialisierte Pflegeheime übriglassen möchte. Gleichzeitig sollen mehr Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien kommen. Zurzeit befinden sich ca. 105 000 Kinder in Heimen oder Pflegeeinrichtungen.

Am kommenden Morgen ging es dann für uns zurück nach Deutschland. Wir haben viele Erfahrungen gesammelt und ganz neue Eindrücke von dem Berufsbild des Sozialpädagogen bekommen. Besonders interessant war es zu sehen, wie die Studenten in Sibirien ausgebildet werden und den Weg in die Institutionen finden. Erschreckend war zugleich, dass viele modernisierte Arbeitsweisen noch nicht in Russland angekommen sind.

Schritt für Schritt entwickeln sich die Stadt und ihre Bewohner aber immer weiter. Diese Erfahrung gemacht zu haben sehe ich persönlich als besonders wichtig, um auch in Deutschland die Arbeit zu professionalisieren. Heutzutage arbeitet man in dem Gebiet der Sozialpädagogik verstärkt in Familien mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen kommen auch aus Russland. Es ist wichtig, ihre Hintergründe zu kennen und ihre Kultur zu verstehen, um effektiv mit ihnen arbeiten zu können.

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