10.00 Uhr – Srednja Slatina

Ein aufregender Tag in Srednja Slatina geht zu Ende. Das Dorf auf dem bosnischen Land liegt inmitten von Wäldern, Flüssen und Pflaumenbäumen. Hier wohnen im Wesentlichen alte Menschen, die ein sehr bescheidenes Dasein führen. Hier lebt man von dem, was in der Dorfgemeinschaft angebaut oder produziert wurde. Sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Man hilft sich gegenseitig mit Lebensmitteln, Arbeit oder auch Feuerholz. Das Dorfleben ist lebendig und lebt vom Tauschen, der gegenseitigen Unterstützung und Fürsorge.

Der jüngste Einwohner ist Mladen mit 55 Jahren. Er ist der Vater von Anto, der extra 2 Stunden in sein Heimatdorf angereist kam, um zu übersetzen und die Sprachbarriere zu überwinden. Mit seinem Freund Filip haben wir 8 Stunden im Dorf verbracht und den Geschichten der
Menschen gelauscht.

Auch wenn hier nur noch weniger als 100 Menschen leben, gibt es immer etwas neues.
Die Dorfbewohner haben sich beispielsweise mit Hilfe finanzieller Mittel der kroatischen Regierung ein Gemeindezentrum gebaut, in dem viel und oft gefeiert wird.
Tatsächlich arbeiten viele Dorfbewohner und deren Kinder in Kroatien, Deutschland und der Schweiz. Sie bauen sich dennoch Häuser in Slatina für den Sommer oder die Rente. Jedes Jahr am 3. August kommen dann fast 2.000 Menschen zum Sommerfest zusammen, um zu feiern. Hintergrund ist, dass am 3.8.1995, direkt nach Ende des Krieges, die ersten Menschen nach Slatina zurückkehrten.

Auch Drago arbeitet seit Mai in Kroatien auf einer Baustelle, um ein wenig Geld fürs Alter zur Seite zu legen. Seine Frau Ruža hat uns dennoch herzlich empfangen und viel Essen aufgetischt. Schön zu sehen ist ihre ehrliche, große Freude und auch, dass 3 Bilder der letzten Transporte noch immer in der Vitrine stehen.

Der Abend endete im Haus von Mladen, wo wir lokale Getränke probieren, seine Schnapsbrennerei und Imkerei besichtigen und ein bosnisches Spiel kennenlernen, bei dem man einen Ring unter Stofftaschen verstecken muss. Gleichzeitig lernen wir hier noch einmal viel über die Geschichte und komplexe Gegenwart des Landes.

Slatina lässt uns mit einem vollen Herzen und vielen schönen Erfahrungen zurück. Gleichzeitig merkt man immer wieder, dass die Wunden des Krieges noch nicht verheilt sind. Es werden noch knapp 13.000 Menschen vermisst, erzählt uns Mladen, der sich als Kommissar seit 30 Jahren beruflich mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen beschäftigt. Je mehr man mit den Menschen spricht, desto klarer wird eines: Die Differenzen zwischen den muslimischen Bosniaken, den katholischen Kroaten und orthodoxen Serben existieren noch immer und sind tief in der gemeinsamen Geschichte und der völkischen Identität verwurzelt. Anto oder auch Ilija sind beispielsweise zwar in Bosnien geboren, sehen sich aber selbst als bosnische Kroaten aufgrund ihrer familiären Vorgeschichte. Als Bosniaken würden sich in diesem komplexen Konstrukt verschiedener Kulturen nur wenige Menschen sehen.

Auch Slatina liegt in der Region Republika Srpska, in der im wesentlichen serbische Bosniaken leben. Dass ein Teil des Dorfes katholisch ist, sorgt immer wieder für latente Konflikte.
Anto beschreibt Bosnien als Schmelztigel der Religionen und Kulturen – irgendwo zwischen westlich und östlich orientierten Staaten. „Wir haben hier 3 Länder in einem- jedes mit eigenen Vorstellungen, Gesetzen und Werten. Bosnien ist weiterhin zerissen und viele Länder versuchen Ihren Einfluss zu stärken. Das macht es schwierig das Land voranzubringen, wenn nicht alle an einem Strang ziehen.“

Auch wenn noch heute Menschen nebeneinander wohnen, die sich in den 90ern aktiv bekämpft haben, können Sie momentan hier friedlich nebeneinander koexistieren. Gleichwohl die Menschen unterschiedlicher Identitäten eher nebeneinander als miteinander leben. Anto sieht hier die Verantwortung der jungen Generation, Geschehens zu vergeben und zu erinnern, aber dennoch gemeinsam in eine Richtung zu blicken. Mit dem großen Wunsch, das noch immer so geteilte Land endlich zu vereinen und ein attraktives Leben zu ermöglichen. Denn nur wenn qualifizierte, junge Menschen im Land bleiben statt auszuwandern, kann sich die Situation langfristig verbessern.

Nun startet der Transport in Richtung Sarajevo. Weiter durch serbische und kroatische Dörfer bis zur Hauptstadt im muslimischen Teil des Landes.


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